die Städter leben öffentlich

Mein Enkel will studieren, also haben wir mal ein Wochenende in der Stadt seiner Wahl zugebracht. Interessante Sache. Es ist alles viel lauter, viel mehr Menschen, viel mehr Geschäfte, auch viel mehr Kirchen. Es gibt Bibliotheken, Schwimmbäder, Busse und Bahnen, … was auch immer es gibt, gibt es gleich in der Mehrzahl.
Erst dachte ich, dass alle anderen in den Restaurants auch Gäste wären wie wir oder Studenten, aber dann kamen wir mit unseren Tischnachbarn ins Gespräch. Während wir bei uns Zuhause uns mit unseren Freunden im Garten treffen oder an der Kirche, trifft man sich hier grundsätzlich in einer „öffentlichen Location“. Man hat Stammlokale, so wie damals mein Mann in seiner Kneipe, in die er mal auf ein Bier ging. Aber man probiert auch mal was aus.
Die Stadt ist nicht so anonym, wie ich gedacht hatte. Man hastet nicht nur aneinander vorbei. Es gibt viele Orte, an denen man miteinander spricht. Das wundert mich. Bettler sprechen einen an. Man soll irgendwelche Unterschriftenlisten unterschreiben. Nach dem 100erdsten Bettler hatte ich nicht mehr so ein Problem damit. Da war der Mensch nur noch ein Bettler. Als ich das merkte, war ich zunächst erschrocken. Aber dann waren wir in einem Café, wo man durch eine Glasscheibe in die Backstube gucken konnte. Manche der Leute, die da arbeiteten, lächelten oder guckten zu uns rüber. Wir konnten sehen und auch manchmal hören, wie sie sich unterhielten. Es gab Croissants, die genauso schmeckten, wie ich sie aus Frankreich in Erinnerung hatte.
Erst fand ich es ungewöhnlich, dass die Ausländer an ihren Geschäften auf dem Bürgersteig auf wackeligen Stühlen sitzen und aus kleinen Gläsern Tee trinken. Auch sitzen da nur Männer. Dann fiel mir auf, wie viele unterschiedliche Nationen in der Stadt öffentlich leben. Es gibt viel mehr Behinderte als bei uns. Wobei das wahrscheinlich so nicht stimmt.

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Es ist auch nicht überall lauter. Es gibt kleine Gärten, Parks, Museen, … viele Orte der Ruhe. Mittags kann man in der Hauptkirche ein Gebet besuchen. Die Menschen verteilen sich in der Kirche und der Gottesdienst ist sehr knapp gehalten. Aber man will ja auch viele Menschen damit ansprechen. In der Tageszeitung nehmen die Ankündigungen der Gottesdienste am Wochenende eine halbe Seite ein. Da stehen dann auch andere Religionsgemeinschaften. Ein bisschen erschrocken war ich über die vielen christlichen Religionsgruppierungen (oder wie soll man das nennen). Da kennt sich ja keiner mehr aus. Wie das wohl auf Muslime oder Ungläubige wirkt? Ob die denken, dass wir Christen durcheinander sind? Mein Enkel sagt, das sei Diversity. Ich hab ihn im Verdacht, dass er ein Modewort an der Stelle falsch verwendet. Denn hier geht es ja nicht um das bunte Leben, sondern um einen Haufen Besserwisser, der eben nicht öffentlich agiert, sondern nur brüllt, wenn es ihm ums Rechthaben geht.
Wir waren am letzten Tag in einem libanesischen Restaurant. Das Essen war sehr lecker. Die Besitzerin hat sich beim Nachtisch zu uns an den Tisch gesetzt. Wir haben uns ausgetauscht über unsere Heimat: Flüchtlinge, Alt und Jung, lebenssatt und lebensdurstig. Mein Enkel findet Heimat nicht wichtig. Die Libanesin hat ihn lächelnd gefragt, ob seine Oma zu Weihnachten backt. Wir haben sehr lachen müssen. Er hat die Frage gar nicht beantwortet. Wir haben alle gewusst, wie sie es meint.
Jetzt frage ich mich, ob es vielleicht besser wäre, im Alter in der Stadt zu leben. Man kann sich in der Stadt genau die Menge an Kontakt holen, die man braucht. Wenn ich wir aus dem Urlaub heim gekommen sind, hab ich mich immer gefreut. Aber nach dieser Erfahrung frage ich mich, ob es in der Stadt nicht besser wäre. Man muss ja nicht, aber man kann. Bei uns Zuhause ist eine Frage der Zeit, bi die Kirche geschlossen wird. In der Stadt hätte ich alles. Auch eine größere Auswahl an Ärzten.

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