Wir leben in einer vollen Schriftkultur – mir wäre volle soziale Vernetzung lieber

Mein Enkel hat mir erklärt, dass es normal ist lesen und schreiben zu können und Texte lesend zu verstehen. Wir lebten, sagt er, in einer vollen Schriftkultur, weil das Lesen und Schreiben nicht mehr Privileg einer Elite sei, sondern ein allgemein gültiges Menschenrecht.

Warum, habe ich ihn gefragt, haben wir dann ein Ordnungsamt, in dem zwar die ganze Ordnung schriftlich niedergelegt ist, aber immer erst mal nachgefragt werden muss? Das schriftlich niedergelegte Allgemeingut ist nämlich gar nicht so allgemein. Das Ordnungsamt muss Leute auf die Straße schicken, die sich um Falschparker kümmern.

Außerdem liegt überall Müll rum. Wenn unsere Politiker in unserer Stadt etwas als allgemein gültig schriftlich festlegen, kann das doch nur etwas sein, was allen bekannt sein muss. Oder man muss dafür sorgen, dass es allen bekannt gemacht wird.

In unserer vollen Schriftkultur kannst du ein Papier vorweisen, das kein normaler Mensch versteht, dass dich aber berechtigt zu irgendetwas. Du merkst, sage ich zu meinem Enkel, dass ich schon verstehe, was eine volle Schriftkultur ist. Lesen kann dieses Papier ja jeder – sogar vorlesen (mal abgesehen von den Analphabeten, für die man Kampagnen zum Lesenlernen macht). Aber diesem Geschriebenen haftet doch immer noch etwas Magisches an.

In unserem Ort gibt es ein Haus, in dem Menschen mit Behinderung leben. Sie gehen einkaufen. Sie sitzen in Rollstühlen und kommen nicht an die Regale. Sie können die Schilder nicht lesen und kaufen meist das, was sie schon kennen oder was sie aus dem Fernsehen aus der Werbung kennen. Einer von ihnen fragt immer den Nächstbesten, ob er ihm was aus dem Regal holen kann. Wenn er erst mal jemanden so weit hat, fragt er ihn auch nach bestimmten Produkten. Er fragt dann nach Sonderangeboten und nach Erfahrungen, die der andere gemacht hat und nach Kaufempfehlungen. Es gibt Kunden, die gezielt einen Bogen um den Mann machen. Andere Kunden haben offensichtlich viel Spaß dabei.

Da haben wir ein Beispiel von einem, der sich der Schriftkultur verweigert oder ihr nicht einverleibt wurde. Ihm ist es egal, ob in dem Konzept seiner Einrichtung Teilhabe oder Integration oder Inklusion steht. Er kriegt immer die leckerste Wurst. Das ist es, worauf es ihm ankommt.

In unserer scheinbar individualisierten Gesellschaft gibt es so Vieles, das als selbstverständlich gesetzt wird. Man kommt sich schon doof vor, wenn man sonntags keinen Tatort geguckt hat. Richtig schön individualisiert wäre unsere Gesellschaft, wenn wir die Vielfalt unserer Art zu leben anerkennen würden. Wir müssten unsere Vielfalt genießen können.

Siehst du, sagt mein Enkel, du landest immer beim selben Thema.

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