Ordnung ist das halbe Leben (nachdenken über mehrdimensionale Räume)

In der Osternacht hörte ich von einem Engel, der den Stein vom Grab wälzte und sich drauf setzte. Witzig, oder? Steht bei Matthäus.

Wenn ein Mensch gewaltsam zu Tode gekommen ist, guckt die Polizei auch in der Wohnung, wie es da aussieht. Eine unaufgeräumte, verdreckte Wohnung ist ein Hinweis auf Depressionen. Ich guck Krimis. Im Grab, so berichtet einer der Evangelisten, lagen die Tücher fein säuberlich gefalten an einem Platz.

Wenn ich meine Freunde im Wohnheim für Behinderte besuchen, sehe ich nur unaufgeräumte Zimmer, schlecht gelüftete und so eingerichtet, dass ein E-Rolli wenden kann, aber ein Gast keinen Sitzplatz findet. Da stimmt was nicht. Sicher ist alles besser als vor 100 Jahren, aber noch nicht wirklich gut. Ich sag nur: UN-Behindertenrechtskonvention. Für manche Menschen schwer zu verstehen, warum sie Menschen mit Behinderung zuhören sollen. Schwer zu verstehen, warum eine Ordnung aus wichtig und unwichtig, reich und arm, mächtig und ohnmächtig in Frage gestellt werden soll, wenn sie doch funktioniert. Ich kann mich nicht daran gewöhnen und bin früh über den Engel, der auf dem Grabstein sitzt.

Jetzt zu den mehrdimensionalen Räumen: oben/unten, rechts/links, vorne/hinten und die unumkehrbare Zeit. Das ist der Raum in dem wir uns bewegen. Mathematikerinnen können mit mehrdimensionalen Räumen rechnen. Aber könnten wir auch darin leben? Das ist eine akademische Frage. Aber ein Mensch mit Behinderung ist in einem oder mehreren seiner ihm eigentlich in seinem Menschsein zugedachten Entfaltungsmöglichkeiten eingeschränkt. Kein Wunder, dass seine Schubladen in der Küche lange nicht mehr ausgeẃischt wurden. Kein Wunder, dass er manchmal zu erschöpft ist, als dass er noch sagen könnte: „Ich will das nicht.“ oder „Ich will das so.“

Ordnung ist ein Konstrukt. Die hilft leben. Wenn sie es nicht tut, kann sie weg. Zu meiner Ordnung gehört, dass der Tod nicht das Ende ist, dass die Würde des Menschen unantastbar ist und dass ich nicht jeden Menschen verstehen muss, um ihn respektieren zu können. Manchmal muss ich an meiner Ordnung arbeiten. Dann merke ich, dass sie idealistischer ist, als es meiner Lebensführung gut tut. Manche Werte müssen erkämpft werden. Ordnung muss sein.

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