Dienst nach Vorschrift ist das Schlimmste

Auf den beiden Buslinien, die unseren Ort durchqueren, fahren Busse, in denen vorne ein Aufkleber mit Piktogrammen verdeutlicht, wie viele Steh-, Sitz- und Rolliplätze im Bus sind. Es gibt genau einen Rolliplatz. Soweit die Vorschrift.

In unserem Ort gibt es eine Komplexeinrichtung für Menschen mit Behinderung. Hielte sich jeder Busfahrer an die Vorschrift, könnte man die Inklusion ( s. UN-Behindertenrechtskonvention, von Deutschland ratifiziert) in die Tonne kloppen.

Neulich am Bahnhof: ein Falt- und ein E-Rolli. Der E-Rolli ist groß und schwer und lässt dem Faltrolli den Vortritt. Der E-Rolli will folgen. Der Busfahrer ruft: „Hier kann nur einer mitfahren.“ Ich gucke ihn entsetzt an. Er: „Vorschrift.“ Ich: „Aber hier ist doch noch Platz genug.“ Er: „Wenn was passiert, bin ich dran.“ Ich: „Auf dieser Linie fahren ständig Rollifahrer wegen der Einrichtung. Wie sollen die denn nach Hause kommen?“ Er: „Ich ruf die Leitstelle an.“ Er ruft die Leitstelle an und bekommt Recht.

Ich finde, das sollten Sie wissen.

Mein Enkel sagt, ich solle das nicht bloggen, weil sonst die Busfahrer alle was aufs Dach kriegen und dann alle die Vorschrift einhalten müssen. Wir diskutieren. Ich bin der Meinung, dass wir nicht voran kommen, wenn wir Missstände nicht ansprechen. Mit Vetternwirtschaft und Vitamin B läuft Einiges, aber es muss ja auch im Normalfall laufen.

Die meisten Busfahrer nehmen so viele Rollis mit, wie sie können. Viele Fahrgäste helfen beim Aus- und Einklappen der Rampe, so dass der Busfahrer gar nicht von seinem Platz aufstehen muss. Wir kriegen das hin. Die Vorschrift brauchen wir eigentlich auch nur für die, die nicht mitdenken und die keine Verantwortung tragen können.

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2 thoughts on “Dienst nach Vorschrift ist das Schlimmste

  1. Ich glaube, das ist keine Frage des Platzes, sondern der Sicherheit, die man den Rollifahrern nur bieten kann, wenn der zugehörige Rollstuhl an bestimmten Stellen steht. (Vielleicht muss man sich sogar irgendwo mit dem Gefährt einhaken?) Im Falle plötzlichen, starken Bremsens darf dem Rollstuhlfahrer nämlich nichts passieren und den anderen Fahrgästen auch nicht. Vielleicht ist das bei einem zweiten Rollstuhl in den Bussen nicht garantiert. Der saust sonst quer durch den Gang oder kippt um.
    Kommt es dann zu einem Personenschaden, weil der Fahrer die Vorschrift ignoriert hat, wird der Richter streng sein. Das Risiko mag nicht jeder eingehen. Anteilnahme hin oder her.

    1. Ja, Frau Tonari, da haben sie natürlich Recht.
      Was machen wir nun mit den vielen Rollstuhlfahrern, die mit möchten und auch könnten, weil sie ja selbstbestimmt unterwegs sind? Ob die Verkehrsbetriebe wohl bereit sind, Busse für 5 Rollifahrer anzuschaffen? wahrscheinlich nicht. Denn selbstverständlich werden diese Busse nicht voll ausgelastet werden können. Rollifahrer sind normale Menschen und fahren Bus wie sie wollen.
      Vor ein paar Jahren hatten wir das Problem mit Schulkindern. Zu bestimmten Zeiten waren die Buslinien gnadenlos überfüllt und ich konnte am Bahnhof gucken, wie ich mit meinen Einkäufen heimkomme. Zum einen habe ich versucht, meine Arztbesuche und Einkäufe außerhalb der Schulzeiten zu legen. Zum anderen haben die Verkehrsbetriebe mit Einsatzbussen reagiert, die zu eben den Zeiten fahren, wenn es erfahrungsgemäß nötig ist.
      Was die Inklusion angeht, liegen die dinge komplizierter. Ich kann mich nicht mit dem Verweis auf die Sicherheit zufrieden geben, solange nicht gleichzeitig an Lösungen gearbeitet wird.

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