Lamento über den „modernen Menschen“ stoppen

Eigentlich dachte ich, das Thema müsse jetzt langsam durch sein. Aber dann las ich heute morgen: „Dinge werden genutzt und Menschen gebraucht. Aber der moderne Mensch macht es leider umgekehrt.“ Da könnte ich vor Wut an die Decke gehen. Haben wir nicht das Jahr, in dem wir nicht nur an den I. Weltkrieg erinnern, sondern auch über die Zusammenhänge aufklären? Geht es nicht in diesen Tagen um den Fall der Mauer? Bereitet die evangelische Kirche nicht mir allerhand Pomp den Geburtstag von Martin Luther vor, der den Ablaß-Mißbrauch erfolgreich bekämpfte?

Ich kann diese bodenlose Borniertheit und abgrundtiefe Dummheit intelligenter Menschen nicht verstehen, die so tun als sei der Mensch erst mit Erfindung des 21. Jahrhunderts mit der Nase auf Moral und Anstand gestoßen worden. Mein Verdacht ist, dass sich da manche aus der Verantwortheit stehlen. Denn sie zählen sich nicht zu den modernen Menschen. In welchem Jahrhundert hätten sie gern gelebt? In welchem Land? Haben die alle im Geschichtsunterricht gepennt? Das sind die gleichen Menschen, die für alles und jedes eine Versicherung haben und in jedem Zimmer mindestens einen Feuermelder.

Beim letzten Frauenkaffee im Gemeindesaal kam kurz die Frage auf, ob wir überhaupt Weihnachtspäckchen für Flüchtlinge packen sollten. Da hatten welche (es sind immer die gleichen) was in der Zeitung gelesen. Wir haben überlegt, was wir statt dessen tun können. Spenden? Nach Syrien fahren? Unsere Wohnungen für Flüchtlinge öffnen? Wir bräuchten viel Hilfe, wenn wir Unterkünfte für Flüchtlinge organisieren sollten. Wir kriegen ja nicht mal eine Weihnachtsfeier für Flüchtlinge hin. Das ein Drittel von uns selber Flüchtlinge sind, kommt selten zur Sprache. Ich bin immer ratlos, wenn solche Diskussionen aufkommen. Ich denke, wir tun, was wir können. Wenn es anders sein soll, brauchen wir Hilfe. Wir brauchen Hilfe, wenn wir unser Verhalten ändern sollen. Vorwürfe werden nichts auf den Weg bringen. Da ziehen wir uns eher zurück.

Mein Enkel sagt: „Oma, reg dich nicht auf.“ Er lernt jetzt an der Uni eine neue Programmiersprache. Sie hatten schon am Gymnasium einen Kurs, bei dem hat er mir einen Bildschirmschoner gebastelt. Der ist sehr schön geworden. Er besteht eigentlich nur aus Zahlen und Buchstaben und Klammerauf, Klammerzu. Wer es lesen kann, erkennt daraus, was es wird und was es kann. Ich bin beeindruckt.
Er hat eine Hausaufgabe. Er soll das hier in Perl schreiben:
someprocess | sed -r „s/([0-9]+)\/([0-9]+)\/([0-9]+)/\2\.\1\.\3/“
Haben Sie eine Ahnung, was das bedeutet? Bis zum Martinszug muss er es fertig haben.

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