Pflegenotstand ist auch nur eine interessante Schlagzeile wie Pegida

Mein Adventsbesuch bei Lisbeth in der Pflegeabteilung eines Altersheimes fiel wie gewohnt aus: sie kam um 10.30 Uhr aus dem Bett und das Personal war froh, dass ich ihr das Essen anreichen konnte. Man müsste in den Zeitungen nicht nur Zahlen veröffentlichen, sondern auch schreiben, dass alle alten Menschen einmal in einem solchen Heim leben werden. Vielleicht regt sich dann mal was. Die alten Menschen sind, auch wenn sie verwirrt sind, verzweifelt. Auch wenn sie ihre Lage nicht durchschauen, wissen sie doch, dass es so nicht gut ist. Das wissen auch Angehörige und Pfleger. Wer hält eigentlich den Schwarzen Peter in Händen? Wen kann ich ansprechen?

Mein Enkel schaut bedenklich in die Gegend. Er hat schnell verstanden, dass er der Letzte in der Reihe ist.

Ich habe solche Sehnsucht nach dem Erlöser.

Grafik. Kind im Winter mit Teddy. Traurig. Caritas-Kampagne 2014
Menschen auf aller Welt gehen uns an in Zeiten der Globalisierung.

Da fällt mir sofort der Hitler ein und Pegida. In unserer Familie war die ganze Sache mit dem Nationalsozialismus kein Thema. Ich habe das Alles nicht bewusst miterlebt, nicht kritisch. Meine Eltern und Großeltern haben sich um uns und sich gesorgt. Zuhause ging es mir gut. Als die jüdische Gemeinde kleiner wurde, wurde sie kleiner. Das war so. Es gab kein Bedauern. Uns ging es gut. Bei uns hing kein Foto von Hitler und niemand war in der Partei, aber ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass wir in unserer Familie unter dem Nationalsozialismus gelitten hätten. Wenn ich damals älter gewesen wäre, wäre es mir vielleicht aufgefallen. Als die Bomben fielen, hatten wir Angst um unser Leben. (Für uns Kinder war es auch ein Abenteuer.) Die Feinde blieben in unserer Stadt und stellten sich als Menschen heraus. Alles ging weiter. Ich ging in die Lehre, heiratete, wir lebten in unserer wachsenden Familie.

Deutsche, die Deutsche legal ermorden, sind die eine Geschichte. Deutsche, die im Land lebende Menschen ablehnen, ohne zu wissen, ob sie nicht vielleicht doch Deutsche sind, ob sie Flüchtlinge sind, welche Gründe sie haben, hier zu sein, ist heute unsere Geschichte. Ich gebe zu, dass Muslime im Straßenbild unserer Stadt neu sind. Aber ich habe keine Angst vor ihnen. Beim letzten Gemeindefest waren zwei Musliminnen mit ihren Kindern gekommen. Sie saßen alleine an einem Tisch und ich hätte gern mit ihnen gesprochen, aber ich wusste nicht, wie ich es anfangen sollte. Hoffentlich haben sie sich wohl gefühlt. Ich war auch schon mal mit ein paar Freundinnen auf einem Moscheefest.

Unser Pastor hat einmal einen Diavortrag über Andalusien gehalten. Er hat diese schönen maurischen Gebäude gezeigt. Er hat gesagt, es hätte eine Zeit gegeben, in der Juden, Christen und Muslime dort in einem Staat gemeinsam gelebt hätten. Kaum zu fassen. Warum es grade wir Katholiken waren, die diesen Staat zerschlagen mussten, verstehe ich kaum. Wenn das das christliche Abendland sein soll, dass diese Pegida meint, ist es nicht mein christliches Abendland. In meinem christlichen Abendland dürfte es keine Altersheime geben, in denen Menschen wie Gefangene leben. Wer sich auf das christliche Abendland beruft, sollte sich bloß einmal die Weihnachtsgeschichte vor Augen führen, die momentan alle Welt so rührselig stimmt.

In unserer Stadt schließt wieder ein Geschäft. Im Ausverkauf sind auch Keksdosen. Die hol ich jetzt und dann pack ich Weihnachtskekse rein und bring die Dosen zu denen, die sich drüber freuen. Da fallen mir genug ein.

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17 thoughts on “Pflegenotstand ist auch nur eine interessante Schlagzeile wie Pegida

  1. Dieses Gedicht schrieb eine alte Frau,

    die seit langem in einem Pflegeheim in Schottland lebte

    und von der man meinte,sie sei desorientiert.

    Man fand es nach ihrem Tod bei ihren Sachen….

    WAS SEHT IHR, SCHWESTERN?

    Was seht ihr, Schwestern, was seht ihr?

    Denkt ihr, wenn ihr mich anschaut:
    Eine mürrische alte Frau,
    nicht besonders schnell,
    verunsichert in ihren Gewohnheiten,
    mit abwesenden Blick,
    die ständig beim Essen kleckert,
    die nicht antwortet wenn Ihr sie anmeckert,
    weil sie wieder nicht pünktlich fertig wird.

    Die nicht so aussieht,
    als wurde sie merken was Ihr macht
    und ständig den Stock fallen läßt
    und nicht sieht,wo sie geht,
    die willenlos alles mit sich machen läßt:
    Füttern,waschen und alles was dazu gehört.

    Denkt Ihr denn so von mir,Schwestern,
    wenn Ihr mich seht,sagt?
    Öffnet die Augen,Schwestern,
    schaut mich genauer an!

    Ich soll Euch erzählen wer ich bin,
    die hier so stille sitzt,
    die macht was Ihr möchtet,
    und ißt und trinkt, wenn es Euch paßt?

    Ich bin ein zehnjähriges Kind
    mit einem Vater und einer Mutter,
    die mich lieben
    und meine Schwester und meinen Bruder.

    Ein sechzehnjähriges Mädchen,
    schlank und hübsch,die davon träumt,
    bald einem Mann zu begegnen.

    Eine Braut mit zwanzig,
    mein Herz schlägt heftig beim Gedanken an die Versprechungen,
    die ich gegeben und gehalten habe.

    Mit fünfundzwanzig noch,
    habe ich eigene Kleine,die mich zu Hause brauchen.

    Eine Frau mit dreißig,
    meine Kinder wachsen schnell und helfen einander.

    Mit vierzig,
    sie sind alle erwachsen
    und ziehen aus.

    Mein Mann ist noch da
    und die Freude ist nicht zu Ende.

    Mit fünfzig kommen die Enkel
    und die erfüllen unsere Tage,
    wieder haben wir Kinder
    mein Geliebter und ich.

    Dunkle Tage kommen über mich,
    mein Mann ist tot.
    Ich gehe in eine Zukunft voller
    Einsamkeit und Not.

    Die meinen haben mit sich selbst genug zu tun,
    aber die Erinnerungen von Jahren und die Liebe bleiben mein.

    Die Natur ist grausam,
    wenn man alt und krumm ist
    und man wirkt etwas verrückt.

    Nun bin ich eine alte Frau,
    die ihre Kräfte dahin siechen sieht
    und der Charme verschwindet.

    Aber in diesem alten Körper wohnt
    immer noch ein Junges Mädchen,
    ab und zu wird mein mitgenommenes Herz erfüllt.

    Ich erinnere mich an meine Freuden,
    ich erinnere mich an meine Schmerzen
    und ich liebe und lebe mein Leben –
    noch einmal,
    das allzuschnell an mir vorbeigeflogen ist
    und akzeptiere kühle Fakten,
    daß nichts bestehen kann.

    Wenn Ihr Eure Augen

    AUFMACHT SCHWESTERN,

    so seht Ihr nicht nur eine mürrische
    alte Frau.

    Kommt näher,seht…….

    MICH!

      1. Das vergessen aber so viele.Auch deshalb weil nicht mehr drei Generationen unter einem Dach leben.Heute fallen uns die älteren Menschen doch nur noch auf wenn sie die Kasse im Supermarkt blockieren oder in ihrer Wohnung verstorben sind und der Hausflur stinkt.Ein echter Werteverfall unserer Gesellschaft.Eine Schande.

      2. Aber warum?Vielleicht weil viele inzwischen den Komfort über die Familie stellen.
        Die Familie meines Mannes lebt zusammen in einem Haus,das ist manchmal so laut und anstregend wenn ich zu Besuch bin.Aber der Zusammenhalt ist unbeschreiblich schön.Die Großeltern sitzen zwischen den heranwachsenden Enkelkindern.Wenn sie ihren Schatz der Erfahrungen öffnen lauschen alle respektvoll.Sowas kennen wir doch gar nicht mehr.

      3. Ja, das stimmt. Ich habe auch gelernt, meine Privatsphäre zu schätzen, nachdem mein Mann gestorben ist. Die Kinder waren längst ausgezogen. Manchmal denke ich, eine Alten-WG wäre gut. Oder überhaupt eine WG. Aber ich hab auch Angst, dass es schief geht.
        Vielen Dank allen, die hier kommentieren. Das zeigt mir, dass es auch andere gibt, die sich Gedanken machen. Am Wochenende telefoniere ich mit einem Organisator einer Nutzergemeinschaft. Ich hatte ihm vorgeschlagen, nicht nur Wohnungen anzubieten, sondern auch eine WG. Jetzt will er mit mir telefonieren. Er will wissen, was ich mir vorstelle.

      4. Mir ist meine Einsamkeit fast heilig aber ich kann es mir aussuchen wann ich einsam und wann ich unter Leuten sein möchte.Viele ältere Menschen können das nicht und das schmerzt mich sehr.Die Wg ist eine schöne Idee,kann aber wirklich auch schief gehen.

      5. Nun ja, manche Menschen werden das schön finden, andere nicht. Das Leben in der Großfamilie ist nicht mehr die Regel, aber wer möchte, kann doch so leben.

      6. Für mich geht es auch darum das man etwas zurück gibt.
        Ich habe mal in Altenheimen gearbeitet und habe die Söhne und Töchter gesehen die schnell an den Feiertagen vorbeikommen,sich eine halbe Stunde Zeit für ihre Mutter nehmen und sich das Gähnen verkneifen.
        Wie oft hat seine Mutter gegähnt,als er krank war oder gestillt wurde?
        Als Mutter ist man 24 Stunden mit der Familie beschäftigt,so viele Jahre lang.Es geht manchmal nicht nur darum was man möchte sondern auch darum was man moralisch schuldig ist.Man muss natürlich nicht unter einem Dach leben aber wenigstens eine gute und regelmäßige Beziehung pflegen.

      7. Auch wieder wahr.Aber auch die „netten“ Eltern können mit zunehmenden Alter und Erkrankungen plötzlich sehr anstrengend werden.Meine Oma pflegte ihre Mutter zu Hause,als alleinerziehende und berufstätige Mutter von fünf Kindern.Das war überaus anstrengend aber sie ist froh das sie es gemacht hat.
        Demenz z.b. stelle ich mir unheimlich vor und auch sehr schmerzvoll für die Seele.

      8. Ich danke mal an ihrer Stelle.:-)
        Meine Großtante (nach der ich benannt wurde) ist aber auch nicht schlecht.Jetzt ist sie über neunzig,hat sechs Kinder großgezogen,hat eine Figur zum neidisch werden und war mal im Guinness Buch der Rekorde eingetragen,als älteste Frau der Welt die einen Tandem Fallschirmsprung absolviert hat.

    1. Ja, so war das. Wenn es anders gewesen wäre, wäre die Geschichte anders verlaufen. Wir haben immer nur an uns gedacht. Ich werde einmal einen eigenen Beitrag zu diesem Thema schreiben. Denn meine Schuld soll nicht einfach unter einem Kommentar als Antwort stehen. Ich habe nur noch nicht die richtigen Worte gefunden.

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