Angepisste Angepasste

Mein Enkel hat mich mit zum Kirchentag geschlört. Ich war dagegen, weil das dort ( wie auf Katholikentagen ) immer so jugendfocusiert zugeht. Aber warum wollte er bloß dahin? Er hatte gehört, es kämen auch Agnostiker. Tatsächlich war die Bandbreite der Stände beim Markt der Möglichkeiten beeindruckend. Sogar die Legio Mariens war vertreten. Der Altersdurchschnitt ist auch nicht mehr so erschreckend unter dem der Gesamtbevölkerung.

  Es gab eine Menge Menschen mit klaren Missionsaufträgen. Es ging um Homoehe, Ökumene, Weltwirtschaft, Pietismus, Umweltschutz, … und Inklusion. Ein junger Mann erklärte mir, er könne sich nicht anpassen. Er bräuchte Hilfe, um überhaupt leben zu können. Seiner Meinung nach sperrten sich Etablierte gegen Inklusion, weil sie sich ihr Leben lang um Anpassung bemühten und nun nicht für Menschen eintreten könnten, die schlicht sie selbst sind. Er redete ganz begeistert, gar nicht verbittert oder kämpferisch. Für ihn ist Inklusion, was für andere Umweltschutz oder Müllvermeidung oder Schalke 04 ist. Er sagte: „Diese angepissten Angepassten haben noch Angst, dass wir mit unserem Lebensentwurf ihre Lebensleistung da absurdum führen.“ Er hat mich sehr beeindruckt. Wir haben unsere Blogadressen ausgetauscht und er wollte mich auch für Twitter begeistern. Abends sind wir gemeinsam mit seinen Freunden und der Clique meines Enkels in ein Klezmerkonzert gegangen. Es war unbeschreiblich schön. Die Musik. Die Menschen. Die friedliche und aufgeregte Atmosphäre. Ich weiß nicht, wie ich ins Quartier gekommen bin. Wir waren nicht betrunken, aber es war heiß und wir hatten wenig Schlaf.

Der Kirchentag wird heftig kritisiert, weil er so angepasst und uneindeutig sei, es fehle ihm die klare christliche Ausrichtung. Unser Pfarrer war regelrecht entsetzt, als er hörte, ich sei beim Kirchentag gewesen. Ich denke, es wird wenig wahrgenommen, was zwischen Menschen geschieht. Das Meiste geschieht nicht-öffentlich. Unberechenbar. Unauswertbar. Wie der Stein, den die Bauleute nicht brauchen konnten, sind wir die Steine, wir Christen, aus denen die Kirche gebaut wird, mit Fundament und Säulen und uns. Das glaube ich.

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