Kirche hat nichts mit Glauben zu tun, sagt mein Nachbar

Was in den Nachrichten über Deutschland gesagt wird, entspricht nicht meiner Wahrnehmung. Es ist alles viel komplizierter und sehr beängstigend. Andererseits ist noch immer alles gut gegangen bzw. wird gut werden.

Mein Nachbar ist begeistert von der Nachricht, es seien skandalös viele Menschen aus der katholischen Kirche ausgetreten. Er weiß zu berichten, der Generalvikar des Bistums Essen habe gesagt, dass sei alles nicht so schlimm. Ich komme nicht zu Wort. Unser ganzes Gespräch ist sehr wirr. Ich gehe irgendwann traurig in meine Wohnung und er ruft hinter mir her, ich hätte wohl Vorurteile gegen ihn. Einmal noch drehe ich mich um und sage, ich habe ihm zugehört. Er holt Luft, aber da ist die Tür schon zu.

Im Internet finde ich die nötigen Informationen und kann mir ein Bild machen. Die Entwicklungen sind wirklich nicht neu. Aber anders als mein Nachbar halte ich die katholische Kirche für wichtig. Es ist ein Unterschied, ob jemand etwas behauptet oder ob er das auch belegen kann. Ich gehöre seit der Nachkriegszeit zu den Deutschen, die zu Misstrauen neigen und bin daher nicht in Gefahr, Schwadroneuren auf den Leim zu gehen.


Abends kommt mein Enkel. Er erzählt ganz begeistert von einer neuen Entdeckung: man kann jeden Ort der Welt mit 3 Worten beschreiben. So kann man sich eindeutig verabreden. Das ist gut, wenn man keine Adresse hat. Er versteht nicht, dass ich nicht auch begeistert bin. Ich muss mich mit der Idee erst noch befassen. In meiner Welt gibt es Straßen. Die haben Namen. Es gibt Geschichte auf Stadtplänen. Das soll alles wegfallen? Nein, sagt mein Enkel, die Idee stamme aus einer anderen Richtung. Es ist eine Hilfe für die Ärmeren und für alles Unübersichtliche. 3 Worte. Wir spielen ein bisschen mit der Idee. Ich denke mir 3 Worte für einen Ort aus und er rät, welchen ich meine. Es macht Spaß. Er erzählt von einem Mann, der grundlos einen Streit anfing auf dem Bahnsteig. Er meint, dass es wahrscheinlich nicht grundlos sei. Es gibt so viele Menschen, die zu viele Nackenschläge einstecken mussten. Sie haben die Hoffnung verloren und suchen in diesem Leben nur noch nach … nach … . Keine Ahnung, warum der Mann so rumpöbeln musste. Wonach sucht er? Katholische Kirche müsste für die Ausgegrenzten genau so da sein wie für die zukünftigen Multiplikatoren, sagt mein Enkel, der an der Uni die Förderung des theologischen Nachwuchses mit Geld und Know-How beeindruckend findet. Er redet ein bisschen wie der Papst. Wir gucken nach, wie unsere Kirche mit drei Worten zu finden ist. Aber sie müsste auch für den Mann, dessen Seele so zerstört ist, zu finden sein. Wie können wir sein, damit man uns findet? Und was machen wir, wenn man uns findet?

Am Montag treffen wir uns, um die Kirche zu putzen. Das haben wir lange nicht mehr gemacht. Es ist Jahrzehnte her. Der Küsterin wurden der Stellenumfang gekürzt. Unser Pfarrer hat viel zu viel zu tun. Er gibt sich Mühe, aber er wirkt nicht aufmerksam, wenn er mit einem redet. Er ist freundlich, aber dann muss er weg und entschuldigt sich, er habe einen Termin. Ich bin ja nicht mehr im Gemeinderat. Wer soll da überhaupt noch was bewirken? Wahrscheinlich wie immer der Heilige Geist.

Mein Nachbar freut sich, dass die Kirche endlich ihr Fett weg kriegt. Mein Enkel findet die Veränderungen interessant. Ich bin müde, aber zuversichtlich.

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