Von wegen: die Würde des Menschen

Ich sitze am Bett einer Freundin im Altersheim. Man kann nicht sagen, dass sie an Demenz leidet. Ihre Angehörigen und Freunde leiden an ihrer Demenz. Man muss immer wieder ins Heim. Man kann nicht mit ihr sprechen. Nach der Pflege ist sie morgens und abends so erschöpft, dass sie erst mal schläft. Dann gibt es wieder was zu essen. Beim Essen schläft sie ein und ist nicht zum Weiteressen zu bewegen. Sie schläft viel. Wenn sie wach ist, ist sie unruhig oder schaut erstaunt ins Leere. So wie früher, als ihr Leben noch normal war, ist sie eine freundliche Frau. Manchmal brabbelt sie vor sich hin. Es klingt immer freundlich und so, als wolle sie etwas sagen.

Sie passt nicht mehr. Das Pflegepersonal kümmert sich gerne um sie. Aber die Pflege bei ihr braucht Zeit und es bringt nicht viel. Was bringt es schon? Wozu ist diese Pflege gut, die so schlecht bezahlt, so ungenau strukturiert ist und so viel Geld kostet? Warum bemühen wir uns, dass sie leben kann? Wenn man sie liegen lassen würde, würde sie einfach verhungern und verdursten. Sie ist hilflos und wir helfen ihr. Wir geben ihr sogar von dem, was nicht messbar ist: Zeit, Freundlichkeit, Nähe. Sie ist bei aller Demenz immer noch die Alte und immer noch unsere Freundin.

Menschen, die ihr Leben auf Gewinnmaximierung und Anerkenung ausrichten, können das nicht verstehen. Sie müssen sich vor dem Alter fürchten. Man kann eben mit Altersvorsorge doch nicht alles regeln.

Ähnlich läuft es in unserer Stadt mit der Flüchtlingshilfe. Da warnt man vor Wildwuchs und unkontrollierter Gutmütigkeit, die zu nichts führe, stemmt die Flüchtlingshilfe aber mit dem vorhandenen Personal. Wenn nicht Bürger und Bürgerinnen eigene Hilfe organisiert hätten (wo sind Wohnungen frei, wer braucht was, wer kann was, … ?), wär in den Unterkünften das Chaos ausgebrochen. Die Caritas hat eine eigene Referentin für Flüchtlingshilfe eingestellt. Kinderschutzbund und Rotes Kreuz sammeln Kleidung und anderes. Dann endlich, nach vielen Wochen, gelingt es der Stadt, eine Halle für Spenden herzurichten, mit eigenem Koordinator und Öffnungszeit am Samstag. Immerhin. Die Stadt kann nicht schneller. Die Politik kann auch nicht schneller.

Wir leben zwar nicht in Trümmern, aber wenn wir nicht anpacken wie die berühmten Trümmerfrauen, ist hier bald Ende im Gelände. Die Menschenrechte sind unsere Rechte, denn wir sind Menschen. Die Würde des Menschen ist voraussetzungslos. Deshalb bringt der junge Pfleger in der Ausbildung mir eine Flasche Wasser. Er arbeitet wie ein Tier, aber er sieht, dass ich erschöpft bin. Ich muss weinen. Ich bin so dankbar. Es ist weniger das Wasser als dieser junge Mann, der mir die Hoffnung zurück gibt auf ein Leben in Würde.

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