Nicht füttern

„Du brauchst zum Füttern nicht zu kommen“, schreibt Karl. Seine Frau liegt unter Beobachtung im Krankenhaus. Sie ist dement und kann nicht sagen, was ihr fehlt. Es werden Tests gemacht.

Füttern? Magda ist doch kein Hund!

Wir haben als Kinder im Bunker gesessen und geweint. Mit 20 waren wir zum ersten Mal in den Bergen. Ihr Mann ist ein Traum. Aber ziehen Sie da jetzt bitte keine falschen Schlüsse. Er hat einfach alles, was ein Mann haben sollte, der Vater und Partner sein soll. Aber füttern?

Magda ist seit 3 Jahren im Heim. Karl war völlig fertig. Er hat Monate gebraucht, bevor er sagen konnte, dass es der richtige Entschluß war. Er hat einen Plan gemacht, so dass Magda jeden Tag jemanden zu Besuch hat und die Pflegekräfte bei zumindest einem Essen entlastet sind. Nur dass er jetzt „füttern“ geschrieben hat, erschreckt mich. Aber Karl war nie diplomatisch und ist immer sehr klar in seinen Aussagen. Politisch korrekt hieße es: Essen anreichen. Das habe ich gelernt, als ich noch im Altersheim tätig war. Wir umgeben uns mit nebeligen Wortgetümen, die das Grausame und Unmenschliche beschönigen wollen. Es ist wirklich so, dass das Essenanreichen ein Füttern ist. Magda kriegt nichts mit. Karl ist froh, wenn sie brabbelt. Dann macht sie einen glücklichen Eindruck. Bestimmt gibt es auch dafür eine politisch korrekte Ausdrucksweise.

Es fällt mir immer schwerer, den Sinn des Lebens von Magda in diesem Stadium zu verstehen. Oft sitze ich an ihrem Bett und denke darüber nach, während sie bloß schläft. Mein Enkel schreibt aus Japan ( Sie erinnern sich: er ist auf Weltreise ), dass Menschen in unserer Kultur nur was wert sind, wenn sie produktiv sind. Darum, schreibt er, gibt es bei uns in Deutschland auch Werkstätten für behinderte Menschen, die als Wertschätzung verstanden werden und doch nur der billige Versuch sind, sie in unser Konzept einzufügen. Alles Fremde und Unverständliche stellt uns in Frage. 

Können Sie sich denken, warum ich Magda besuchen möchte, obwohl sie nicht gefüttert werden muss?

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