Es rumort in meiner Komfortzone

Die Vorteile einer Kleinstadt: Man kennt sich. Im Laufe meines Lebens bin ich mehrfach umgezogen, aber nicht so oft, wie Menschen das heute machen, und nie aus meiner Heimatstadt raus. Ich fühle mich wohl Zuhause.

Aber dann das:

In der einzigen Buchhandlung am Ort ist ein Besitzer, dem es an Feingefühl fehlt. Er redet viel und laut und sein Buchgeschmack ist nicht meiner. Ich lasse  ihn reden. Doch jetzt ist das Maß voll und ich weiß nicht, wo ich noch in eine Buchhandlung gehen kann. Folgendes ist passiert:

Er: Wie geht ’s? Alles gut?

Ich: Ja. Wir hatten Gemeindefest am Wochenende und seit 5 Jahren zum ersten Mal keinen Regen.

Er: Und? Viele Seelen gefangen?

Ich: Der Herr erhalte mir meine gepflegten Vorurteile.

Ich ging an die Regalwände, um nach neuen Büchern zu schauen und ließ den Besitzer der Buchhandlung stehen. Ich war viel zu schockiert über diese Unhöflichkeit, um gemessen darauf reagieren zu können. Es waren noch andere Kunden im Laden. Er konnte sich mit denen unterhalten. Er konnte auch mit seinen beiden Angestellten sprechen. Doch er setzte nach:

Er: Meinen Sie, wir erleben es noch, dass Frauen Diakoninnen werden?

Ich: Warum fragen Sie?

Er: Der Papst will ja jetzt, dass Frauen Diakoninnen werden.

Ich: Wo haben Sie das denn her?

Er: Das weiß doch jeder, das steht in der Zeitung.

Ich: Es gibt eine Arbeitsgruppe, die der Papst nach einer Audienz von Ordensfrauen… .

Er: Ja, ja, die Kirche ist ihrer Zeit hinterher. Immer.

Ich: Aber Hexen werden schon seit 200 Jahren nicht mehr verbrannt.

Er: Das mach die Hexenverbrennung nicht besser.

Ich: Natürlich nicht. Schönen Tag noch.

Ich wusste wirklich nicht, was ich noch sagen sollte. Was will der Mann eigentlich? Was wollen Menschen von der Kirche? Was soll die ganze Meckerei? Und wie kann es sein, dass ein Mensch, der von Büchern umgeben ist, so ungebildet daherquatscht?

Ich bin wirklich sauer und aufgebracht. Nach dem Gespräch ging ich in die Eisdiele. Die wissen da auch, dass ich katholisch bin. Wir reden über die Kirche und streiten auch mal, aber wir haben Respekt voreinander. Da werde ich mit meinem Kaffee in Ruhe gelassen, wenn ich signalisiere, dass ich in Ruhe gelassen werden möchte.

Später habe ich unsere Gemeindereferentin angerufen und ihr mein Herz ausgeschüttet. Sie sagte, dass es selbst unter den Eltern der Erstkommunionkinder und vieler Menschen, die eine Amtshandlung von der Kirche erwarten, Forderungen gibt, die die Kirche zu einem Serviceunternehmen degradieren. Unser Pastor musste sich von einem Gemeindemitglied fragen lassen, was er denn den ganzen Tag mache, als dieser einen Termin nicht wie gewünscht zusagen konnte.

Es fehlt an Respekt. Was ist mit Menschenrechten? Warum kommen Menschen trotz ihrer Kirchenferne immer wieder und verlangen irgendwas? Kirchenkritik ist noch was anderes als dieses unerwachsene Herumgenöhle. Jetzt, wo es Mainstream ist, gegen Kirche zu sein, trauen sich allerhand Armleuchter aus dem Gebüsch. Es ist wirklich traurig.

Unsere Gemeindereferentin wird ab heute im Pfarreientwicklungsprozess mitarbeiten: 4 Gemeinden, Ehrenamtliche und Hauptamtliche überlegen, wie es gemeinsam weitergehen kann. So geht es jedenfalls nicht weiter.

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3 thoughts on “Es rumort in meiner Komfortzone

  1. Ich glaube generell gibt es eine Tendenz in der „aufgeklärten“ Gesellschaft, religiöse Menschen oder Institutionen, latent zu verachten. Atheismus wird als modern und aufgeklärt verstanden, alles andere als rückständig. Dabei ist es gerade diese Verachtung, die Menschen in meinen Augen als rückständig entblößt. Ich höre manchmal Sätze wie: „Du bist ja intelligent für eine Muslima.“ Und die Leute glauben dabei wirklich mir ein „gönnerhaftes“ Kompliment gemacht zu haben.
    Tut mir leid, dass du so eine Erfahrung machen musstest und ausgerechnet an so einem schönen Ort.
    Liebe Grüße

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