Zeit des Abschieds

Sie können hier gerne weiterlesen. Alle Artikel sind sehr schön und haben ihren eigenen Reiz. Aber Tante Gertrud wird hier nicht mehr schreiben. Bevor jemand erschrickt: Tante Gertrud ist eine fiktive Figur. Sie steht für die alten Damen in unseren Gemeinden, die von Nerds und Jugendlichen belächelt werden wegen ihrer Rückständigkeit und ihrem Outfit, ohne dass man bis zu ihren Lebenserfahrungen vordringt.

Tante Gertrud und ihr Enkel haben die Dinge dieser Welt gemeinsam betrachtet. Eine Welt mit 2 Sprachen in einer Muttersprache. Der eine ein Digital Native, die andere mit dem Krieg und einer ungreifbaren Schuld in den Knochen. Beide mit grundloser Lebensfreude, beide glauben an Gott.

Auch wenn nichts Neues mehr kommt: stöbern Sie ruhig.

Es rumort in meiner Komfortzone

Die Vorteile einer Kleinstadt: Man kennt sich. Im Laufe meines Lebens bin ich mehrfach umgezogen, aber nicht so oft, wie Menschen das heute machen, und nie aus meiner Heimatstadt raus. Ich fühle mich wohl Zuhause.

Aber dann das:

In der einzigen Buchhandlung am Ort ist ein Besitzer, dem es an Feingefühl fehlt. Er redet viel und laut und sein Buchgeschmack ist nicht meiner. Ich lasse  ihn reden. Doch jetzt ist das Maß voll und ich weiß nicht, wo ich noch in eine Buchhandlung gehen kann. Folgendes ist passiert:

Er: Wie geht ’s? Alles gut?

Ich: Ja. Wir hatten Gemeindefest am Wochenende und seit 5 Jahren zum ersten Mal keinen Regen.

Er: Und? Viele Seelen gefangen?

Ich: Der Herr erhalte mir meine gepflegten Vorurteile.

Ich ging an die Regalwände, um nach neuen Büchern zu schauen und ließ den Besitzer der Buchhandlung stehen. Ich war viel zu schockiert über diese Unhöflichkeit, um gemessen darauf reagieren zu können. Es waren noch andere Kunden im Laden. Er konnte sich mit denen unterhalten. Er konnte auch mit seinen beiden Angestellten sprechen. Doch er setzte nach:

Er: Meinen Sie, wir erleben es noch, dass Frauen Diakoninnen werden?

Ich: Warum fragen Sie?

Er: Der Papst will ja jetzt, dass Frauen Diakoninnen werden.

Ich: Wo haben Sie das denn her?

Er: Das weiß doch jeder, das steht in der Zeitung.

Ich: Es gibt eine Arbeitsgruppe, die der Papst nach einer Audienz von Ordensfrauen… .

Er: Ja, ja, die Kirche ist ihrer Zeit hinterher. Immer.

Ich: Aber Hexen werden schon seit 200 Jahren nicht mehr verbrannt.

Er: Das mach die Hexenverbrennung nicht besser.

Ich: Natürlich nicht. Schönen Tag noch.

Ich wusste wirklich nicht, was ich noch sagen sollte. Was will der Mann eigentlich? Was wollen Menschen von der Kirche? Was soll die ganze Meckerei? Und wie kann es sein, dass ein Mensch, der von Büchern umgeben ist, so ungebildet daherquatscht?

Ich bin wirklich sauer und aufgebracht. Nach dem Gespräch ging ich in die Eisdiele. Die wissen da auch, dass ich katholisch bin. Wir reden über die Kirche und streiten auch mal, aber wir haben Respekt voreinander. Da werde ich mit meinem Kaffee in Ruhe gelassen, wenn ich signalisiere, dass ich in Ruhe gelassen werden möchte.

Später habe ich unsere Gemeindereferentin angerufen und ihr mein Herz ausgeschüttet. Sie sagte, dass es selbst unter den Eltern der Erstkommunionkinder und vieler Menschen, die eine Amtshandlung von der Kirche erwarten, Forderungen gibt, die die Kirche zu einem Serviceunternehmen degradieren. Unser Pastor musste sich von einem Gemeindemitglied fragen lassen, was er denn den ganzen Tag mache, als dieser einen Termin nicht wie gewünscht zusagen konnte.

Es fehlt an Respekt. Was ist mit Menschenrechten? Warum kommen Menschen trotz ihrer Kirchenferne immer wieder und verlangen irgendwas? Kirchenkritik ist noch was anderes als dieses unerwachsene Herumgenöhle. Jetzt, wo es Mainstream ist, gegen Kirche zu sein, trauen sich allerhand Armleuchter aus dem Gebüsch. Es ist wirklich traurig.

Unsere Gemeindereferentin wird ab heute im Pfarreientwicklungsprozess mitarbeiten: 4 Gemeinden, Ehrenamtliche und Hauptamtliche überlegen, wie es gemeinsam weitergehen kann. So geht es jedenfalls nicht weiter.

Worüber wir reden und worüber nicht und warum

Das Plakat für unser Gemeindefest hängt. Es ist farblich schön gestaltet, aber dass da steht „Hl. Abendmesse“ finde ich seltsam. Die Dame, die dieses Plakat hergestellt hat, ist Werbegrafikerin. Sie ist Mitglied der Gemeinde. Aber man muss ihr schon sagen, was auf dem Plakat stehen soll.

Wir sprächen zu wenig über unseren Glauben, hieß es vor einigen Jahren immer wieder. Dann ebbten Meldungen dieser Art ab. Es muss auch noch ganz anders gehen.Vielleicht war das die Idee. Denn in Gemeinden gibt es Veranstaltungen. Menschen begegnen sich nicht mehr „auf Augenhöhe“. Es ist immer der Pastor, der glaubt. Dazu gibt es sehr schöne Karikaturen von Thomas Plaßmann. Das 21.Jahrhundert wird für die Kirche eine harte Sache, ein Feuerofen, eine Schrotmühle, eine Bewährungsprobe.

Wir finden für unser Gemeindefest nicht so recht genügend Helfer. Aber das Plakat ist inhaltlich komplett dasselbe wie vor 30 Jahren. Kein Witz. Und die Ideen, die eingebracht werden in der Vorbereitung, werden von den Alteingesessenen gar nicht wahrgenommen. Schluss. Aus. Es ist Sommer. Allerorten finden Feste statt. Ich schäle wieder Kartoffeln für die Erbsensuppe. Aber hingehen werde ich nicht, weil meine Kinder an dem Sonntag woanders sein werden. Sie haben was gefunden, was sie interessiert, und sie nehmen mich mit.

La Manche – mein Urlaubsziel

Vor 10 Jahren waren wir das letzte Mal dort und sind nun mal wieder hingefahren. Vor 50 Jahren sind wir zum ersten Mal mit der Familie in der Normandie gewesen. Seitdem zog es uns immer wieder dort hin. Wir lieben das Cotentin. Mittlerweile fahren die Enkel mit ihren Kindern.

Vor 50 Jahren hatten wir vergessen, Zucker mit ins Ferienhaus zu nehmen. Wir wohnten in einem kleinen Dorf im Landesinneren und hatten bei dem ganzen Kurmel keine Lust noch mal zum Einkaufen zu fahren. Kurt ging mit einem Satz im Kopf zum Nachbarn: „Du sucre?“. Das war, ohne Kocketterie, der Beginn einer Freundschaft, die mit der Erkenntnis begann, dass der Befragte in deutscher Kriegsgefangenschaft war. Kurt selbst war in französischer Kriegsgefangenschaft gewesen.

Diesmal suchten wir Lieblingsorte auf und entdeckten dabei Neues:

In St. Vaast-de-la-Hague lebt ein Künstler, der großflächige Bilder malt, auf denen es viel Gesellschaftskritisches zu entdecken gibt. Als Fan der Heiligen Hildegard hat er in einer verfallenen Kirche eine Ausstellung über ihr Leben gemacht. Sie ist noch diesen Sommer zu besichtigen. Wunderschön: die alte, verfallene Kirche und der komplett theologiefreie Zugang zu Hildegard.

Jetzt bin ich müde von der Reise, aber auch froh, wieder daheim zu sein. Sicherlich werde ich nicht mehr dorthin fahren. Aber für Sie, lieber Leser, liebe Leserin, ist La Manche ein heißer Tipp.

 

Im Heim

Viele alte Menschen und ihre Angehörigen schämen sich für das Altsein. Man schämt sich immer, wenn man es nicht aus eigenen Kräften schafft. Meine Großmutter beispielsweise, war zu stolz zum Sozialamt zu gehen. Dabei hatte sie moralisch alle Argumente auf ihrer Seite.

Wir haben in unserem Land alles wunderbar durchorganisiert. Jetzt ist wieder eine Freundin in eine Heim gekommen. Wir kennen uns seit 88 Jahren. Innerhalb von 2 Wochen hat sie all ihre Würde verloren. Das Personal verlangt, dass wir uns bei ihnen melden sollen, wenn wir sie besuchen, weil wir Unruhe ins Heim bringen. Sie hat einen Vormund, auch wenn das jetzt anders heißt, der für sie bestimmt. Und dieser Vormund sagt, dass es gut so für sie ist.

Der Öffentlichkeit ist es scheißegal, was in Heimen passiert. Da kommen Leute rein, die es in der Öffentlichkeit nicht mehr schaffen. Sie passen nicht rein in die Öffentlichkeit. Nur wenn wir sie nicht alleine lasse, können sie noch ein lebenswertes Leben haben. Aber es ist wirklich schwer, sich gegen Fachpersonal und Vormund (auch wenn das nicht mehr so heißt) durch zu setzen. Man wird nicht jünger. Ich habe nicht mehr die Kraft, gegen alle Ungerechtigkeit der Welt zu kämpfen. Darum tut es mir gut, dass der Papst zum Gebet aufruft. Dieses Video ist ein bisschen kitschig, aber es zeigt den einzig möglichen Weg: die Starken müssen sich mit den Schwachen solidarisieren. Wir Christen tun das im Namen Jesu. Gut das der Papst mich daran erinnert. Ich stehe dem überforderten Heimpersonal nicht mehr so hilflos gegenüber und kann auch das leichter ertragen, was ich nicht ändern kann. Ich lege es in Gottes Hände. Ich bete.

Grandma Lo-fi und die Kultur des Teilens

Grandma Lo-fi: The Basement Tapes of Sigrídur Níelsdóttir from Republik Film Productions on Vimeo.

Jetzt weiß ich wieder, was ich mir wünschen kann. Weihnachten, Geburtstag und so, das wird immer schwerer. Aber nachdem ich dies Video gesehen hatte, dachte ich:

Es gibt so viele ganz normale Dinge, die wunderbar sind und die ich mit anderen teilen möchte.

Ich wünsche mir mehr Möglichkeiten, etwas mit anderen zu teilen. WordPress ermöglicht mir, meine Gedanken und Erfahrungen zu teilen. Weil ich gern backe, kann ich anderen mit Kuchen eine Freude machen. Kartenschreiben ist schön. Die einen freuen sich beim Auswählen, die anderen beim Ansehen. Da mein Garten mir zu viel wird, kann ich ihn Leuten zur Verfügung stellen, die durch Urban Gardening auf neue Ideen gekommen sind. … und so weiter.

Danke, Grandma Lo-fi. Danke, G-tt.

Teilhabe, Gleichstellung. Wortgeklingel.

Sie werden einer alten Frau verzeihen, dass sie sich aufregt. Man hat mich seit den 70iger-Jahren nach der Nazizeit befragt und ich habe mich stets verantwortlich gefühlt. Nun beobachte ich die politischen Vorgängen etwas distanziert, wenn auch als Zeitgenossin. Die gleichen Menschen, die mir Vorwürfe machen, schaffen grade ihre Felle aufs Trockene und jammern. Aber ein Agnostiker wie Herr Krauthausen erklärt, dass man Menschen nicht danach bewerten darf, was sie kosten. „Wonach denn?“, ist man geneigt zu fragen. Wissen Sie: ich höre die Gespräche auf dem Kirchplatz, wenn ich auf meine Mitfahrgelegenheit warte. Letztlich geht es um Machbarkeit und Geld. Warum kommen nicht mal wir Christen auf die Idee, dass es andere Werte geben könnte? Dieser ungläubige Herr Krauthausen ist natürlich selbst betroffen und kommt von daher leicht auf die Idee, dass es im Leben mehr gibt als ein Qualitätsmanagement. Übrigens war ich damals im Dienst die Letzte, die die Gefahren begriffen hat, die im Qualitätsmanagement liegen. Heute holt der Betriebsleiter im Zweifelsfall den Ordner aus dem Schrank und weist nach, dass alles gemäß Qualitätsmanagement läuft. Dann kann es auch keinen Fehler geben. Der Laie staunt und der Fachmann wundert sich. Denn wir sehen tagtäglich, dass es nicht gut läuft. Wissen Sie, dass in unserer Gemeinde nur Gymnasiasten an der Firmvorbereitung teilnehmen? „Es fällt uns schwer, diese Mängel in der Öffentlichkeit anzusprechen,“, sagt die Pfarrgemeinderatsvorsitzende, „denn man zeigt mit Fingern auf uns und verlangt eine Lösung.“ Und die Lösung soll funktionieren. Und niemand will daran beteiligt sein. Eine Gemeinde aus Unbeteiligten. Eine Gesellschaft aus Unbeteiligten. Hier die Einen, da die Anderen. Wer trägt die Verantwortung? Natürlich steht im Bus jemand auf, wenn ich reinkomme und kein Platz mehr frei ist. So ist das. Die Jugend ist nicht schlechter als zur Zeit der Heiden von Kummerow. Aber wenn Probleme auftreten, sind es immer gleich die Jugendlichen oder die Schule oder es ist das System. Wir reden nicht mehr von dem, was uns wichtig ist. Wir bauen Zäune und schützen unser Eigentum. Dabei werden wir nicht überleben. Man wird auch in 50 Jahren wieder aufarbeiten müssen, was in dieser Zeit an Unrecht geschieht. Es ist sehr schwer, den Unterschied zwischen Lüge und ahnungslosem Geschwätz zu markieren. Continue reading „Teilhabe, Gleichstellung. Wortgeklingel.“