Worüber wir reden und worüber nicht und warum

Das Plakat für unser Gemeindefest hängt. Es ist farblich schön gestaltet, aber dass da steht „Hl. Abendmesse“ finde ich seltsam. Die Dame, die dieses Plakat hergestellt hat, ist Werbegrafikerin. Sie ist Mitglied der Gemeinde. Aber man muss ihr schon sagen, was auf dem Plakat stehen soll.

Wir sprächen zu wenig über unseren Glauben, hieß es vor einigen Jahren immer wieder. Dann ebbten Meldungen dieser Art ab. Es muss auch noch ganz anders gehen.Vielleicht war das die Idee. Denn in Gemeinden gibt es Veranstaltungen. Menschen begegnen sich nicht mehr „auf Augenhöhe“. Es ist immer der Pastor, der glaubt. Dazu gibt es sehr schöne Karikaturen von Thomas Plaßmann. Das 21.Jahrhundert wird für die Kirche eine harte Sache, ein Feuerofen, eine Schrotmühle, eine Bewährungsprobe.

Wir finden für unser Gemeindefest nicht so recht genügend Helfer. Aber das Plakat ist inhaltlich komplett dasselbe wie vor 30 Jahren. Kein Witz. Und die Ideen, die eingebracht werden in der Vorbereitung, werden von den Alteingesessenen gar nicht wahrgenommen. Schluss. Aus. Es ist Sommer. Allerorten finden Feste statt. Ich schäle wieder Kartoffeln für die Erbsensuppe. Aber hingehen werde ich nicht, weil meine Kinder an dem Sonntag woanders sein werden. Sie haben was gefunden, was sie interessiert, und sie nehmen mich mit.

Das Jahr der Barmherzigkeit hat begonnen

Gerade am 1. Advent predigte in unserer Sonntagsmesse ein Priester, der immer und immerwieder das Sakrament der Buße als das Heilssakrament schlechthin anpreist. Es ist zum Verzweifeln. Warum geh ich wohl nicht mehr beichten? Doch nicht, weil ich denken würde, ich sei ohne Sünde. Dieser Priester ist völlig frei von Selbstkritik. Er geht bestimmt selber beichten. Aber ich passe in dieses Schema nicht mehr rein. Mich macht es traurig, dass sich nichts zum Besseren ändert. Wir lernen als Kirche und als Menschheit nicht dazu. Wir lernen immer mehr und immer mehr, aber das verändert nichts. Es wird alles immer mehr. Ich möchte mit einem Priester über die Dinge reden, die ich in früheren Jahren nicht gebeichtet habe und die mir jetzt falsch vorkommen. Dabei weiß ich, dass ich auch jetzt Fehler mache. Auch wenn es anders sein sollte. Es geht aber nicht um das Fehler-Machen, sondern um das Freisein, die Freiheit, und darum, dass man manche Fehler machen muss, um nicht noch schlimmere zu machen. Ein Impuls zum Beginn des Jahres der Barmherzigkeit stammt von einem Bischof, den ich gar nicht kenne. Mein Enkel hat ihn bei Soundcloud gefunden. Mein Enkel hat Mitleid mit mir. Er versucht, mich zu trösten. Ich finde, dass ist ihm mit diesem Fundstück gut gelungen.

Sterben

Diese Debatte um Sterbehilfe ist sehr feinsinnig. Im Radio hat ein Politiker erklärt (SPD, langer Name mit L, konnte ich nicht behalten), dass „geschäftsmäßig“ in dem Fall des neuen Gesetzes nicht das meint, was wir meinen. Es ging in dem Gespräch um die Frage, ob ein Arzt schuldig wird oder nicht, wenn er einem Menschen über das Wochenende eine Morphiumpumpe überlässt, mit der der Mensch sowohl seine Schmerzen lindern kann, als auch sich selbst töten.

Ich glaube, unser Thema ist eher, wie wir mit Sterbenden umgehen und mit den Familien, die davon betroffen sind. Ich bin kein Arzt. Niemand verlangt von mir, was man von einem Arzt verlangt. Aber der Sterbende lebt ja. Wir dürfen Sterbende nicht alleine lasse. Wir müssen genau so mit ihnen umgehen wie mit anderen auch. Wenn wir mit anderen Menschen umgehen: wie machen wir das? Jeder nimmt den anderen wie er ist. Manchmal gibt es Streit. Manchmal gibt es was zu erzählen. Auf den Markt kann ich mit einem Sterbenden nicht mehr gehen und ich kann ihn auch nicht fragen, ob er beim Gemeindefest hilft. Aber er lebt. Darum ist er ein Teil meines Lebens, wenn er es vor seiner Erkrankung war.

Kirche hat nichts mit Glauben zu tun, sagt mein Nachbar

Was in den Nachrichten über Deutschland gesagt wird, entspricht nicht meiner Wahrnehmung. Es ist alles viel komplizierter und sehr beängstigend. Andererseits ist noch immer alles gut gegangen bzw. wird gut werden.

Mein Nachbar ist begeistert von der Nachricht, es seien skandalös viele Menschen aus der katholischen Kirche ausgetreten. Er weiß zu berichten, der Generalvikar des Bistums Essen habe gesagt, dass sei alles nicht so schlimm. Ich komme nicht zu Wort. Unser ganzes Gespräch ist sehr wirr. Ich gehe irgendwann traurig in meine Wohnung und er ruft hinter mir her, ich hätte wohl Vorurteile gegen ihn. Einmal noch drehe ich mich um und sage, ich habe ihm zugehört. Er holt Luft, aber da ist die Tür schon zu.

Im Internet finde ich die nötigen Informationen und kann mir ein Bild machen. Die Entwicklungen sind wirklich nicht neu. Aber anders als mein Nachbar halte ich die katholische Kirche für wichtig. Es ist ein Unterschied, ob jemand etwas behauptet oder ob er das auch belegen kann. Ich gehöre seit der Nachkriegszeit zu den Deutschen, die zu Misstrauen neigen und bin daher nicht in Gefahr, Schwadroneuren auf den Leim zu gehen.


Abends kommt mein Enkel. Er erzählt ganz begeistert von einer neuen Entdeckung: man kann jeden Ort der Welt mit 3 Worten beschreiben. So kann man sich eindeutig verabreden. Das ist gut, wenn man keine Adresse hat. Er versteht nicht, dass ich nicht auch begeistert bin. Ich muss mich mit der Idee erst noch befassen. In meiner Welt gibt es Straßen. Die haben Namen. Es gibt Geschichte auf Stadtplänen. Das soll alles wegfallen? Nein, sagt mein Enkel, die Idee stamme aus einer anderen Richtung. Es ist eine Hilfe für die Ärmeren und für alles Unübersichtliche. 3 Worte. Wir spielen ein bisschen mit der Idee. Ich denke mir 3 Worte für einen Ort aus und er rät, welchen ich meine. Es macht Spaß. Er erzählt von einem Mann, der grundlos einen Streit anfing auf dem Bahnsteig. Er meint, dass es wahrscheinlich nicht grundlos sei. Es gibt so viele Menschen, die zu viele Nackenschläge einstecken mussten. Sie haben die Hoffnung verloren und suchen in diesem Leben nur noch nach … nach … . Keine Ahnung, warum der Mann so rumpöbeln musste. Wonach sucht er? Katholische Kirche müsste für die Ausgegrenzten genau so da sein wie für die zukünftigen Multiplikatoren, sagt mein Enkel, der an der Uni die Förderung des theologischen Nachwuchses mit Geld und Know-How beeindruckend findet. Er redet ein bisschen wie der Papst. Wir gucken nach, wie unsere Kirche mit drei Worten zu finden ist. Aber sie müsste auch für den Mann, dessen Seele so zerstört ist, zu finden sein. Wie können wir sein, damit man uns findet? Und was machen wir, wenn man uns findet?

Am Montag treffen wir uns, um die Kirche zu putzen. Das haben wir lange nicht mehr gemacht. Es ist Jahrzehnte her. Der Küsterin wurden der Stellenumfang gekürzt. Unser Pfarrer hat viel zu viel zu tun. Er gibt sich Mühe, aber er wirkt nicht aufmerksam, wenn er mit einem redet. Er ist freundlich, aber dann muss er weg und entschuldigt sich, er habe einen Termin. Ich bin ja nicht mehr im Gemeinderat. Wer soll da überhaupt noch was bewirken? Wahrscheinlich wie immer der Heilige Geist.

Mein Nachbar freut sich, dass die Kirche endlich ihr Fett weg kriegt. Mein Enkel findet die Veränderungen interessant. Ich bin müde, aber zuversichtlich.

Wir hinterlassen Spuren

Der Chor, in dem ich singe, besteht zu gut der Hälfte aus Herren und Damen in meinem Alter. Aber natürlich haben wir trotzdem eine Website, eine Homepage oder wie auch immer. Die ist selbst aus meiner Sicht sehr öde. Der Vorstand fühlt sich nicht in der Lage, etwas Besseres zu erstellen. Dabei gibt es so einfache Möglichkeiten. Ich habe vorgeschlagen ein Blog einzurichten. „Was ist ein Block?“ Nun gut.

Zuhause habe ich mir mal die schlichten Designs anderer Seiten angeguckt. Es geht so einfach. Es kann gut lesbar und trotzdem interessant sein.

Tintenklecks mit weißer 2 und dem Wort

Mit ist aufgefallen, dass es einen Unterschied macht, wie man eine Adresse schreibt. Schönes Beispiel: Kirche hoch 2.

  • Schreiben Sie es mal mit Zahl (erreichen Sie die Startseite, aber können Sie nicht weiter klicken).
  • Schreiben Sie die Zahl aus (können Sie alle Seiten besuchen).

Interessant, oder? Interessant ist auch der letzte Abschnitt in diesem Artikel: Einfach Nachbar sein. Wir alten Damen hinterlassen Spuren. Auch wenn wir gar nicht im Internet sind. Nein, falsch formuliert. Besser: Auch wenn wir nicht aktiv in den Sozialen Netzwerken unterwegs sind, kann man Spuren unseres Lebens in den Tiefen des World Wide Web finden (den Satz hat mein Enkel grade getippt). Allerdings: wenn wir wollen, dass unsere Einsichten und Ansichten gehört und bedacht werden, müssen wir sie zumindest äußern (s. Artikel).

Frühjahrsputz für Geocacher: CITO

Auf der ganze Welt finden in diesen Tagen CITOs statt: Cache In Trash Out. Geocacher organisieren Events:

  • Essen, Trinken, Toiletten
  • Anfahrt, Ort
  • Müllsäcke, Arbeitshandschuhe, Greifer
  • eine Menge Zubehör, das man an Ständen von Geocaching-Shops kaufen kann

Ich bin beeindruckt: 100 Menschen trafen sich auf dem Gelände der Henrichshütte in Hattingen an der Ruhr. Organisiert hatten das begeisterte Geocacher, die ein Logo designet hatten, lustige T-Shirts trugen, ein Gruppenfoto machten, einen Zeitplan erstellten. Was man halt so tut, wenn es was zu organisieren gibt, wenn viele Menschen zusammenkommen. Und diese vielen Menschen kennen einander nicht oder sie kennen sich aus dem Internet oder sie treffen sich immer wieder und wissen, welche Pseudonyme sie online benutzen.

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Mein Enkel macht seit seinem 14. Lebensjahr Geocaching. Er findet Dinge und versteckt Dinge. Zu diesem CITO hat er mich mitgenommen, weil er dachte, dass Putzen und Aufräumen ein guter Zugang für mich wäre. Witzbold.
Abgesehen von der Location (so nennt man den Ort, an dem man sich trifft) war die Veranstaltung an sich für mich ein Erlebnis. Jetzt sitze ich Zuhause und frage mich, warum wir in der Kirche sowas nicht hinkriegen:

  • Menschen zusammenbringen, die das Gleiche wollen
  • Spaß haben
  • Freizeit miteinander verbringen
  • arbeiten, ohne sich ausgebeutet zu fühlen (100 Menschen haben Müllsäcke geschleppt und in Dreck gegriffen und Spaß dabei gehabt)
  • Regel beachten, ohne jemanden auszugrenzen

Übrigens habe ich keinen einzigen Cache gefunden. Wirklich nicht. Ich bin groß darin. Trotzdem hat mein Enkel für mich ein Konto bei Opencaching erstellt und mir gezeigt, wie man es bedient. Denn natürlich konnte man leicht einige Dosen finden, weil man ja die ganzen Menschen immer mal wieder an einem Platz rumstehen sah. Zu den Regeln des Geocachen gehört, dass man muggelfrei loggt. Ihr versteht: Harry Potter = wir sind die Zauberer und die anderen sind die Muggel. Aber wenn Geocacher beieinander sind, helfen sie einander großzügig. Niemand neidet dem anderen seinen Erfolg oder verbirgt seine Kenntnisse. So kam also auch ich zu ein paar Dosen. Aber dass ich zu doof bin, selber was zu finden, ärgert mich schon.

Warum ist unser Glauben nur so ein Geheimnis? Es ist so, dass wir uns selten darüber austauschen. Auch über das, was Kirchenvorstand, Pastoralteam und Gemeinderat machen, kommt in der Öffentlichkeit kaum was an.

Sie denken jetzt bestimmt, dass mein Enkel mich mit seinem offenen Denken stark beeinflusst. Da haben sie Recht. Das finde ich christlich.

Übrigens habe ich eine Dose in unserer Kirche versteckt. Bisher hat niemand sie gefunden. Sie ist nirgendwo gelistet. Vielleicht kommt das noch.

Nochmal ein paar Worte zu Gründonnerstag

Gründonnerstag, 21 Uhr, Einsetzung des Abendmahles. Der Pfarrgemeinderat hatte vor einigen Jahrzehnten angeregt, die Kommunion in beiderlei Gestalt auszuteilen. In diesem Jahr teilten 2 Priester die Kommunion aus. 3 Priester (der amtierende Pastor und zwei Pensionäre) waren insgesamt am Altar. Sonst nur Messdienerinnen und eine Lektorin.
Nach dem Gottesdienst ging es mit einer Anbetung weiter. Eine der Gemeindereferentinnen las aus dem Gotteslob eine Andacht in Abschnitten. Das Lied zwischendurch wurde durchgesungen, ganz egal, wie viele Strophe sie ansagte.
Ich bin immer noch ratlos.

Ein Bach im Wald, die Bäume sind noch kahl, der Bach plätschertWir hatten nach dem II.Vatikanisches Konzil ordentlich gebuttert. Tischmütter bei der Erstkommunionvorbereitung, Frühschichten in der Fasten- und Adventszeit, Beratungen zu diesem und jenem.

  • Tischmütter darf man nicht mehr sagen, weil das diffamierend ist. Mittlerweile findet man keine Mütter oder Väter mehr, die diesen Dienst (wie immer man ihn nennt) übernehmen möchten.
  • Frühschichten werden von genau denen besucht, die sie in den 70igern eingeführt haben. Jugendliche, die zwischenzeitlich dabei waren, kommen gar nicht mehr. Damals war diese Gottesdienstform für Jugendliche gedacht.
  • Wir haben das Gemeindefest und die Fronleichnamsprozession mit Gulaschkanone versehen. Mittlerweile ist niemand mehr da, der die bedienen könnte. Kann das wirklich sein?

Mein Enkel sagt, er findet Kirche wichtig, aber Gemeinde uninteressant. Er findet es gut, dass verlässlich Gottesdienste stattfinden und diese Gottesdienste in einer Gemeinschaft stattfinden. Er sagt, dass er diese Gemeinschaft genießt. Aber Gemeinde findet er uninteressant.

Grade erfahre ich, dass ein alter Schulfreund von mir gestorben ist. Wir telefonieren. Wir treffen uns zum Rosenkranzgebet. Was wird mein Enkel in dem Fall machen? Er sagt, sie treffen sich auch, aber es gibt in seinem Freundeskreis keine religiösen Rituale. Man zündet Kerzen an. Man sucht nach persönlichen Symbolen. Man spricht über den Verstorbenen und tröstet sich gegenseitig. Er meint, wir Alten, wir würden so anonyme Rituale abziehen. Naja. Im Rosenkranzgebet finde ich Trost. Dadurch werde ich nicht weltfremd. Wir diskutieren, mein Enkel und ich. Wenn heute jemand stirbt, wird der Pastor über den Bestatter informiert. Immer öfter kennt der Pastor den Toten gar nicht und die Angehörigen kennen den Pastor nicht. Der Pastor sagt, dass die Gespräche mit Angehörigen und Freunden vor einer Beerdigung Trost spenden und manches zur Sprache bringen. Er sagt auch, dass er immer öfter ratlos ist, weil die Beziehungen immer fremder werden. Kirche ist nur noch Dienstleister. Immerhin.

Ich bin ein wenig traurig, weil unsere Aufbruchstimmung dahin ist. Eigentlich haben wir diese Aufbruchstimmung immer noch, wenn wir beieinander sind (Frauengemeinschaft, Rosenkranzgebet, Geburtstagsfeiern). Aber wir geben dieses Gefühl nicht weiter. Was ist Kirche eigentlich für die meisten Gemeindemitglieder?
Kann man sagen, dass wir versagt haben? Wir haben unseren Glauben nicht glaubwürdig weitergegeben. Wir sind zu Konsumenten degeneriert, die nicht in der Lage, in einem Gottesdienst aktiv beteiligt zu sein. Wir können auch keine Verantwortung übernehmen. Wir überlassen der aussterbenden Priesterkaste das Hüten der Asche.

Ich freu mich auf die Osternacht. Das Licht tragen wir mit unseren Kerzen vom Osterfeuer in die Kirche. Die Osterkerzen unserer beiden Kirchenstandorte werden aufgestellt. Die Kirche wird immer heller, von Lesung zu Lesung. Anschließend gehen wir in den Gemeindesaal. Auch ich habe Osterlämmer gebacken. Es wird bunter Eier geben und das erste Getränk wird für alle kostenlos sein. Dann sieht die Welt vielleicht wieder anders aus.