Kermani und Schießler zum Lesen geeignet

Gestern habe ich noch Zeit zwischen Markt und Linienbus gehabt. Mit den vollen Taschen bin ich in die Stadtbücherei am Bahnhof gegangen und habe schließlich 2 Bücher mitgenommen, weil mich bei beiden sofort die ersten Seiten überzeugt haben.

  Die Situation unserer Kirche ist nicht leicht und wir tun uns in den Gemeinden schwer mit neuen Wegen. Pfarrer Rainer Schießler schreibt aus seiner Lebenserfahrung. Er verzichtet auf pastorale Konzeptionen. Tätig ist er in München. Dort hängen Plakate, die für sein Buch werben. Es hat was, wenn ein Pfarrer auf dem Oktoberfest kellnert. Es hat auch was, wenn er seine Leser nicht belehrt.

Das Buch „Ungläubiges Staunen – Über das Christentum“ ging bereits oft genug durch alle Medien. Es ist unterhaltsam, interessant und bietet den angekündigten Blick von außen. Auch das lese ich gerne.

Ich lese keine Bücher, in denen mit neue Wörter beigebracht werden sollen. Neue Wege bin ich Meinungen Leben lang gegangen. Warum soll das nicht jetzt auch noch klappen? Aber dazu brauche ich kein Konzept.

Nicht füttern

„Du brauchst zum Füttern nicht zu kommen“, schreibt Karl. Seine Frau liegt unter Beobachtung im Krankenhaus. Sie ist dement und kann nicht sagen, was ihr fehlt. Es werden Tests gemacht.

Füttern? Magda ist doch kein Hund!

Wir haben als Kinder im Bunker gesessen und geweint. Mit 20 waren wir zum ersten Mal in den Bergen. Ihr Mann ist ein Traum. Aber ziehen Sie da jetzt bitte keine falschen Schlüsse. Er hat einfach alles, was ein Mann haben sollte, der Vater und Partner sein soll. Aber füttern?

Magda ist seit 3 Jahren im Heim. Karl war völlig fertig. Er hat Monate gebraucht, bevor er sagen konnte, dass es der richtige Entschluß war. Er hat einen Plan gemacht, so dass Magda jeden Tag jemanden zu Besuch hat und die Pflegekräfte bei zumindest einem Essen entlastet sind. Nur dass er jetzt „füttern“ geschrieben hat, erschreckt mich. Aber Karl war nie diplomatisch und ist immer sehr klar in seinen Aussagen. Politisch korrekt hieße es: Essen anreichen. Das habe ich gelernt, als ich noch im Altersheim tätig war. Wir umgeben uns mit nebeligen Wortgetümen, die das Grausame und Unmenschliche beschönigen wollen. Es ist wirklich so, dass das Essenanreichen ein Füttern ist. Magda kriegt nichts mit. Karl ist froh, wenn sie brabbelt. Dann macht sie einen glücklichen Eindruck. Bestimmt gibt es auch dafür eine politisch korrekte Ausdrucksweise.

Es fällt mir immer schwerer, den Sinn des Lebens von Magda in diesem Stadium zu verstehen. Oft sitze ich an ihrem Bett und denke darüber nach, während sie bloß schläft. Mein Enkel schreibt aus Japan ( Sie erinnern sich: er ist auf Weltreise ), dass Menschen in unserer Kultur nur was wert sind, wenn sie produktiv sind. Darum, schreibt er, gibt es bei uns in Deutschland auch Werkstätten für behinderte Menschen, die als Wertschätzung verstanden werden und doch nur der billige Versuch sind, sie in unser Konzept einzufügen. Alles Fremde und Unverständliche stellt uns in Frage. 

Können Sie sich denken, warum ich Magda besuchen möchte, obwohl sie nicht gefüttert werden muss?

Warum tun sie das?

Astrid Lindgren Fans hören bei dieser Überschrift „Wurum denn bluß?“ Erkennen Sie es wieder? Kluge Kinderliteratur. Der Fragende erhellt das Geschehen. Warum?

Warum kamen die Russen? Damals hatten wir so fürchterliche Angst vor ihnen. Sie waren Tiere. Wilde Horden. Mordend und vergewaltigend. Nur langsam begriff ich, was wir Ihnen antaten. Die Russen. Die Deutschen. Ich stellte mir vor, wie Russen über uns dachten. „Ab heute wird zurückgeschossen.“ Wir waren so stolz damals, dass wir Deutschen uns nicht alles bieten lassen mussten und außerdem so stark waren. Viel, viel später lernte ich, dass wir Polen überfallen hatten. Fürchterlich. Ich schäme mich sehr.

Heute denke ich, dass es einen Grund geben muss, der junge Männer und Frauen veranlaßt, ihr Leben zu opfern. Sprengstoffgürtel. Flucht. Schrecken verbreiten. Töten. Das tut kein Mensch ohne Grund. Kann das nicht mal jemand erklären? 

Und kommen Sie mir jetzt nicht mit dem Koran. Das alleine kann es nicht sein. Der Koran, die Bibel, jede Weltanschauung kann herhalten, wenn es sein muss. Warum muss es sein?

Es gibt ein Foto aus unserem Pfarrsaal, das zeigt den Pfarrschoppen. Menschen mit verkniffenen, verunsicherten Gesichtern. Manche verdecken ihr Gesicht. Im Hintergrund unsere Gemeindereferentin, die mal wieder jemandem die Welt erklärt. Nur 2 Flüchtlinge lächeln in die Kamera. Ich will da keine neue Weltanschauung draus machen. Ich musste nur an dieses Foto denken, als heute wieder diese Maßnahmen gefordert wurden, wie wir uns schützen könnten. Wenn es nach mir ginge, würden wir viel mehr Kontakt pflegen. Ungeordnet und wild. Wie sollen sich Terroristen unter Freunden formieren? Lasst uns mehr miteinander tun. Durch Brieffreundschaften haben wir die ersten Ängste vor den Russen abgebaut. Heute können wir gut unterscheiden zwischen Spinnern und Russen. Schwachköpfe gibt es immer und überall. Aber wir können Wege finden. Ich bin ganz sicher.

Und außerdem suche ich die Antwort immer noch:

Warum töten Menschen sich und andere?

Konkret suche ich nach einer Erklärung für die Terroranschläge und die Entstehung des IS. Den Fernseher lasse ich heute aus. Was ich bisher an Sondersendungen gesehen habe, war armselig. Wir sollten, wenn wir uns doch überlegen fühlen, dem Terror anders entgegentreten können als mit Gegenterror und Abschottung. Wir sollten zwischen Menschen und deren Ängsten unterscheiden können.

In diesen Tagen bereiten wir uns auf das Osterfest vor. Die Passion Christi wird in unseren Gottesdiensten immer wieder vorgelesen. Leiden, Sterben und Auferstehung. Mir schwant, dass dort eine Antwort zu finden wäre. Einfach scheint die Antwort nicht zu sein. Oder sie schmeckt uns nicht. Sonst hätten wir sie längst gefunden. Jedenfalls hat die Antwort unseres Glaubens nichts mit Wohlstand und Sicherheit zu tun. Diese Versprechen kommen von den Politikern, die wir am liebsten wählen – und die keine Antwort auf unsere Lebensfragen haben. Das Leben läßt sich nicht organisieren. Es ist unberechenbar. Es ist wild, schön, bezaubernd und zerstörerisch, wenn es sich entfaltet. Alles das geht mir durch den Kopf. Da irgendwo ist die Antwort.

Ich wünsche Ihnen frohe und gesegnete Kar- und Ostertage.

Wer bringt den Müll raus?

Es gibt Fragen, an denen kommt man nicht vorbei.

  • Wer ist zuständig?
  • Was wünscht du dir zum Geburtstag?
  • Lohnt sich das?

Ein Freund meines Enkels, der mittlerweile in Berlin lebt, macht immer Listen, um Probleme zu bewältigen. Mir wird das Problem dadurch zumindest klarer. Diesmal zerbreche ich mir den Kopf über den Pfarreientwicklungsprozess, dem wir im Bistum Essen in den Pfarreien durchmachen, um anschließend zu wissen:

  • Was ist uns wichtig?
  • Wieviel Geld brauchen wir dafür?

Vor dem Haushalt steht der Inhalt. So sagt es der Pfarreientwicklungsprozess. Aber das glaubt hier keiner. Die prompte Antwort ist immer:

Ohne Geld geht gar nichts.

Bisher habe ich noch niemanden sagen hören:

Ohne Gott geht gar nichts.

Wir denken eben praktisch. Wir kennen unsere Gemeinde ja. Wir wissen genau, dass am Ende immer alles an uns hängen bleibt. Darum sind unsere Arbeitsgruppe auch besetzt wie das Who-is-who unserer Pfarrei. Kein Name auf der Liste, den wir nicht schon mal gehört hätten. Alles Menschen mit Erfahrung, sagt der Pfarrer. Wie soll sich da was entwickeln, twittert mein Enkel aus derzeit Borneo. Er sitzt in eine, Internetcafé und schreibt schöne Mails über seine Erfahrungen. Mein Sohn ist besorgt, ob aus ihm mal was wird. Der Vater meines Sohnes war im Krieg, als er so alt war wie mein Enkel jetzt ist. Worüber machen wir uns Sorgen?

Am Ende werden wir geregelt haben, wer den Müll rausbringt, aber nicht, wie es wir unsere Visionen in die Tat umsetzen.

Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.

Berühmtes Zitat. Das kommt gerne mal, wenn jemand allen Unkenrufen zum Trotz seine Visionen einer Kirche der Zulunft skizzieren möchte. Wir reden nicht frei von der Leber weg. Wir halten uns auf.

Ich bin trotzdem nicht ohne Hoffnung.

Von wegen: die Würde des Menschen

Ich sitze am Bett einer Freundin im Altersheim. Man kann nicht sagen, dass sie an Demenz leidet. Ihre Angehörigen und Freunde leiden an ihrer Demenz. Man muss immer wieder ins Heim. Man kann nicht mit ihr sprechen. Nach der Pflege ist sie morgens und abends so erschöpft, dass sie erst mal schläft. Dann gibt es wieder was zu essen. Beim Essen schläft sie ein und ist nicht zum Weiteressen zu bewegen. Sie schläft viel. Wenn sie wach ist, ist sie unruhig oder schaut erstaunt ins Leere. So wie früher, als ihr Leben noch normal war, ist sie eine freundliche Frau. Manchmal brabbelt sie vor sich hin. Es klingt immer freundlich und so, als wolle sie etwas sagen.

Sie passt nicht mehr. Das Pflegepersonal kümmert sich gerne um sie. Aber die Pflege bei ihr braucht Zeit und es bringt nicht viel. Was bringt es schon? Wozu ist diese Pflege gut, die so schlecht bezahlt, so ungenau strukturiert ist und so viel Geld kostet? Warum bemühen wir uns, dass sie leben kann? Wenn man sie liegen lassen würde, würde sie einfach verhungern und verdursten. Sie ist hilflos und wir helfen ihr. Wir geben ihr sogar von dem, was nicht messbar ist: Zeit, Freundlichkeit, Nähe. Sie ist bei aller Demenz immer noch die Alte und immer noch unsere Freundin.

Menschen, die ihr Leben auf Gewinnmaximierung und Anerkenung ausrichten, können das nicht verstehen. Sie müssen sich vor dem Alter fürchten. Man kann eben mit Altersvorsorge doch nicht alles regeln.

Ähnlich läuft es in unserer Stadt mit der Flüchtlingshilfe. Da warnt man vor Wildwuchs und unkontrollierter Gutmütigkeit, die zu nichts führe, stemmt die Flüchtlingshilfe aber mit dem vorhandenen Personal. Wenn nicht Bürger und Bürgerinnen eigene Hilfe organisiert hätten (wo sind Wohnungen frei, wer braucht was, wer kann was, … ?), wär in den Unterkünften das Chaos ausgebrochen. Die Caritas hat eine eigene Referentin für Flüchtlingshilfe eingestellt. Kinderschutzbund und Rotes Kreuz sammeln Kleidung und anderes. Dann endlich, nach vielen Wochen, gelingt es der Stadt, eine Halle für Spenden herzurichten, mit eigenem Koordinator und Öffnungszeit am Samstag. Immerhin. Die Stadt kann nicht schneller. Die Politik kann auch nicht schneller.

Wir leben zwar nicht in Trümmern, aber wenn wir nicht anpacken wie die berühmten Trümmerfrauen, ist hier bald Ende im Gelände. Die Menschenrechte sind unsere Rechte, denn wir sind Menschen. Die Würde des Menschen ist voraussetzungslos. Deshalb bringt der junge Pfleger in der Ausbildung mir eine Flasche Wasser. Er arbeitet wie ein Tier, aber er sieht, dass ich erschöpft bin. Ich muss weinen. Ich bin so dankbar. Es ist weniger das Wasser als dieser junge Mann, der mir die Hoffnung zurück gibt auf ein Leben in Würde.

Abschied vom Enkel

FreifunkRheinland
Freifunk

Mein Enkel hat die Schnauze voll. Er wird nach Weihnachten ins Ausland gehen. Vorher hat er mir die 2-Wege-Authentifizierung und das Online-Banking beigebracht. Ich hoffe, ich hab alles verstanden. Wen kann ich fragen, wenn er nicht da ist?

Wir haben uns über Bildung unterhalten. Er ist wütend über die Presse. Lügenpresse sagt er nicht. Aber er sagt, dass die Öffentlichkeit in Angst gehalten wird. Ich erinnere mich an die Zeit, in der es besser erschien, unentdeckt zu bleiben oder einfach nur nicht aufzufallen. Wir leben nicht in einer Diktatur. Aber die Machthaber (wer immer das sein mag) haben erkannt, dass man auch ganz anders Macht ausüben kann. Teilen und herrschen. Ist ganz einfach. Wer Geschenke bekommt, meckert nicht.


 

Auf meinem Balkon steht ein Grablicht. Darin brennt das Friedenslicht aus Bethlehem. Mein Enkel hat es mir von einem Gottesdienst der Pfadfinder mitgebracht. Da war ein Freund von ihm dabei, der auch im Unperfekthaus aktiv ist. Wir müssen aufpassen, sagt mein Enkel, dass unser Leben aus der Folkloreschleife wieder rauskommt.

  • Fest der Liebe.
  • Versicherung.
  • Wir schaffen das.

Wenn wir nichts mehr davon hören wollen, schalten wir einfach den Fernseher aus.

Manchmal denke ich, zu anderen Zeiten wäre mein Enkel ein Katharer geworden. Aber er ist kein Radikaler und hat viel Verständnis für andere Lebensansätze. Nur dass wir Christen unser Christsein für ein Butterbrot und das bisschen Sicherheit verkaufen, gefällt ihm nicht. Das gefällt auch mir nicht. Es macht mich froh, dass in unserer Gemeinde Flüchtlinge willkommen sind. Aber ich komme aus der Sorge um meine Altersversorgung nicht raus. Mein Enkel sagt, ich solle mir keine Sorgen machen. Diese ganze Sparerei. Da blickt doch keiner mehr durch. Es wird schon gut gehen.

In Bethlehem gibt es radikale Kräfte. Habe ich in den Nachrichten erfahren. Ja. Diese ganzen Zusammenhänge aus Angstmacherei und dem was uns wirklich wichtig ist, was wir schützen wollen, was überleben soll, was leben soll. Die radikalste Kraft ist die der Liebe. Die überlebt auch ohne Protektion. Diese Kraft zieht meinen Enkel aus dem vollgekackten goldenen Käfig.


 

Ich bin müde. Die ganze Lügerei und Hetzerei. Die vielen Nachrichten. Das Verstummen. Die Weihnachtsbotschaft. Ob ich heute Abend in die Christmette gehe, weiß ich noch nicht. Ist schade, aber ich bin so müde.

Frohe Weihnachten !