Im Heim

Viele alte Menschen und ihre Angehörigen schämen sich für das Altsein. Man schämt sich immer, wenn man es nicht aus eigenen Kräften schafft. Meine Großmutter beispielsweise, war zu stolz zum Sozialamt zu gehen. Dabei hatte sie moralisch alle Argumente auf ihrer Seite.

Wir haben in unserem Land alles wunderbar durchorganisiert. Jetzt ist wieder eine Freundin in eine Heim gekommen. Wir kennen uns seit 88 Jahren. Innerhalb von 2 Wochen hat sie all ihre Würde verloren. Das Personal verlangt, dass wir uns bei ihnen melden sollen, wenn wir sie besuchen, weil wir Unruhe ins Heim bringen. Sie hat einen Vormund, auch wenn das jetzt anders heißt, der für sie bestimmt. Und dieser Vormund sagt, dass es gut so für sie ist.

Der Öffentlichkeit ist es scheißegal, was in Heimen passiert. Da kommen Leute rein, die es in der Öffentlichkeit nicht mehr schaffen. Sie passen nicht rein in die Öffentlichkeit. Nur wenn wir sie nicht alleine lasse, können sie noch ein lebenswertes Leben haben. Aber es ist wirklich schwer, sich gegen Fachpersonal und Vormund (auch wenn das nicht mehr so heißt) durch zu setzen. Man wird nicht jünger. Ich habe nicht mehr die Kraft, gegen alle Ungerechtigkeit der Welt zu kämpfen. Darum tut es mir gut, dass der Papst zum Gebet aufruft. Dieses Video ist ein bisschen kitschig, aber es zeigt den einzig möglichen Weg: die Starken müssen sich mit den Schwachen solidarisieren. Wir Christen tun das im Namen Jesu. Gut das der Papst mich daran erinnert. Ich stehe dem überforderten Heimpersonal nicht mehr so hilflos gegenüber und kann auch das leichter ertragen, was ich nicht ändern kann. Ich lege es in Gottes Hände. Ich bete.

Im Altersheim wird 1Live gehört

Besser als WDR 4 werden einige sagen. Aber nachdem ich einige alte Freundinnen in verschiedenen Altersheimen besucht habe, ist 1Live für mich nicht wirklich das Problem.

Eine junge Mitarbeiterin sagt: „Das Schlimmste ist alt werden. Wenn ich was Vernünftiges gelernt hätte, wär ich jetzt Kassiererin.“ Sie rödelt weiter. Sie sieht die alten Leute, aber sie kann nicht bei ihnen bleiben. Es gibt zu viel zu tun.

Wenn ich 20 Minuten bei einer alten Freundin war, muss ich auch unbedingt an die frische Luft. Diese berufsmäßige Freundlichkeit der höheren Chargen und das Gehetze der Mitarbeiterinnen auf den Stationen ist bedrückend. Bedrückend sind auch die leeren Blicke und die Schreie.

Eine Frau bittet mich, ihr auf die Toilette zu helfen. Ich sage ihr, dass ich nicht zum Personal gehöre. Eine Mitarbeiterin sagt: „Du warst grade.“ Sie ist genervt. Zu mir sagt sie: „Die muss dauernd.“

Bis jetzt ist alt werden für mich ganz in Ordnung. Es geht alles langsamer, ich muss nur noch das, was ich will. Die Knochen schmerzen, aber das ist eben so. Meine Enkel kommen gern. Ich backe Kuchen und schäle Kartoffeln fürs Gemeindefest. Aber im Altersheim ist es die Hölle. Ich hab wirklich noch kein Altersheim gesehen, in dem es schön wäre. Wie kann man das ändern? Wir nehmen es einfach so hin, dass unsere alten Leute hilflos vor sich hin vegetieren. 1Live läuft, damit die jungen Mitarbeiterinnen nicht völlig durchdrehen.